Tag 2: Bogazici, Taksim und selbstmörderische Verkehrsteilnehmer

Februar 11, 2010

Nun die erste paar Schritte zur erasmusischen Glückseligkeit sind getan. Für die nächsten paar Tage habe ich eine Bleibe im Stadtteil Osmanbey. Ich schlafe hier in einem eher medium-gepflegten Apartment auf der Couch von einem Türken mit dem Namen Onur und seinem französischen Mitbewohner Same. In den beiden Tagen habe ich schon sehr viele Kleinigkeiten erlebt, welche die Unterschiede zwischen Deutschland und Istanbul sehr deutlich machen.

Von dem grauen und regnerischen Empfang ließ ich mich nicht blenden und habe mir erstmal ein großen Teil von dem Partystadtteil Taksim zeigen lassen. Praktischerweise ist Onur ein nebenberuflicher DJ und konnte mir somit ziemlich viele interessante Bars und Plätze zeigen. Begonnen wurde mit einem türkischen Abendessen bei dem ich türkische Ravioli, Manti, probiert habe. Die haben nichts mit deutschen Maggi Ravioli zu tun und schmecken auch um Welten besser. Diese werden mit Joghurt und Knoblauchsauce serviert.
Unser nächste Station war eine Bar mit dem Namen Cassette bei der ein dicker Türkenhippie mit seinem latent zugedröhnten Mundharmonikafreund äußerst melodische türkische Lieder gesungen hat. Dies war schon äußerst  interessant und dieser Eindruck wurde durch mein erstes Glas Rakı angemessen abgerundet. In der nächsten Bar sah ich zum ersten Mal und Onur zum zweiten Mal in seinem Leben schnapstrinkende kopftuchtragende Frauen die zu türkischen Popmusik jeglichen konservativen Anstrich über Bord schmissen und offensichtlich Spaß hatten. In der letzten Bar, in der wir in einer ruhigeren Atmosphäre mit einem herrlichen Blick über den Bosporus den Abend ausklingen ließen, haben wir noch sehr lange gesessen, gequatscht und einige Effes getrunken.

Heute habe ich dann zum ersten Mal meine Universität besucht. Wirklich eine sehr attraktive Umgebung in der ich demnächst meine ökonomischen Fähigkeiten schulen darf. Nachdem ich mich dort umgeben von vielen wilden Katzen dem Registriationsprozess unterzogen habe, habe ich mir eine erste Wohnung angeschaut. Der Preist ist mit 360 Türkischen Lira (ein bisschen weniger als 180 Euro) sehr gut. Jedoch bietet der Blick aus dem Fenster nur eine andere Wand und eine mannigfaltige Auswahl an Trümmer. Ich habe nicht wirklich hohe Ansprüche, aber die schwarzen Flecken an der Decke beunruhigen mich doch schon ein wenig. Morgen werde ich mir noch zwei andere Wohnung anschauen und dann entscheiden. Diese sind zwar eine halbe Stunde von der Uni entfernt, aber auch näher am Stadtkern liegend. Die Entscheidung wird auf jeden Fall keine einfache. Diese Wohnung würden auch beide 250 Euro im Monat kosten. Da ich aber noch 1000 Sachen zu tun habe und gerne meine BA-Arbeit weiterführen möchte ist Eile geboten.

Der letzte Teil der Überschrift ist nicht übertrieben. Ich bin selber durch meine Erfahrungen in den Städten an der Ostküste von Amerika ein eher rücksichtsloser Fußgänger geworden und Ampeln interpretiere ich eher als Entscheidungshilfen. Dies ist aber im Anbetracht der Vorgehensweise der Autofahrer und Passanten in Istanbul aber geradezu übervorsichtig. Die Leute laufen hier egal an welcher Stelle über die Straße und schlägeln sich durch den oftmals vierspurigen Verkehr. Wegfahrende Busse werden mit dem eigenen Körper zum Stehen gebracht um dann ohne Probleme mitfahren zu dürfen. Solange man sich bemerkbar machen kann, was häufiger durch Faustschläge gegen den Bus passiert, wird man überall aufgenommen.

Sonstige kleine Unterschiede:
– viele Straßenkatze und -hunde
– Nationalstolz der Türken ausgedrückt durch riesige Flaggen, ähnlich wie in den US
– überall gibt es zu jeder Zeit Essen, Trinken und Plausch
– überall gibt es kleine Stände wo man Brezeln, Kastanien und frischgepresste Säfte erwerben kann
– Fußgänger laufen überall, was meist den fehlenden Fußgängerwegen geschuldet ist
– viel mehr Raucher

Habe gerade zum dritten Mal versucht mein Mobiltelefon anzumelden und es hat wieder nicht geklappt. Muss also die ganze Zeit noch mit Roaming hier rumeinern. Die Rechnung könnt teuer werden. Aus pseudo-terroristischen Gründen muss nämlich jeder Türke sein Telefon registrieren lassen, weil damit Bomben gezündet werden können. Aaaahaa, und das geht nur mit Mobiltelefonen? Der Hauptgrund mag wohl eher in den fünf Lira liegen, die man dem Staat durch diese Prozedur zukommen lässt. Also habe schon eigentlich viel zu viel geschrieben. Ich muss jetzt erstmal mein Stundenplan organisieren. Werde mich spätestens nach meinem Einzug wieder melden.

Allaha ısmarladık!

7 Antworten to “Tag 2: Bogazici, Taksim und selbstmörderische Verkehrsteilnehmer”

  1. Irma said

    Hallo Wolf,ich habe gerade deinen Erfahrungsbericht über Istanbul gelesen. Ja, die wilden Katzen u. Hunde sind mit auch noch im Gedächnis. Keiner stört sich daran. Sind dir auch schon die vielen Angler auf den Brücken in der Stadt aufgefallen. Ich kann mich noch erinnern, dass ich nachts um 23 Uhr ein Hemd für Wolf sen. gekauft habe.
    Es macht Spass, so zu kontakten. Guten Nacht
    Bis bald ! Deine Mutter

  2. Majo said

    Mensch Wolf, das ist aber ein interessanter erster Einstieg.
    Bitte mehr davon!

    Und lass dich nicht ärgern

  3. Robert said

    Klingt interessant! Wusste nicht, dass du dort ERASMUS machst!

    Weiterhin viel Spaß bei unseren „privilegierten Partnern“😉

  4. Paul said

    schöön, weiter so!

  5. Anne said

    Huhu Wolfi,
    schön, dass du gut angekommen bist und sogar schon Zeit zum Schreiben gefunden hast!
    Da hast du ja schon eine ganze Menge erlebt, in den paar Tagen.
    Ich hoffe, du fühlst dich wohl und findest noch eine Wohnung ohne Schimmel und mit sympathischerem Ausblick.
    Ganz liebe Grüße aus Erfurt,
    Anne

  6. Dirk said

    Sach ma. Welche Seite auf dem Brückenbild ist Asien?

  7. wolfsen said

    @Dirk die andere Seite. Der Hauptteil meines Lebens wird sich auf de europäischen Seite abspielen.

    @all Danke für die Wünsche und Kommentare! Werde heute Abend einen neuen Eintrag – in meiner neuen Wohnung – schreiben.

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